Foto: © Frank Deubel, Wiesbaden

Projekt. Dir ins Gesicht geschrieben

Den Anstoß zu diesem Bilderzyklus in den Jahren 2009 bis 2013 gab mir das Porträt von meinem Großvater. Ich habe ihn gemalt, lange nach seinem Tod, nachdem ich eine Fotografie von ihm in einer alten Pappschachtel entdeckt hatte. In dem Moment, als ich meinen Großvater auf dem Foto gesehen habe, so wie ich ihn selbst niemals erlebt habe, jung und an seinem Arbeitsplatz in Sankt Peterburg vor dem Krieg, begann ich mit diesem Projekt, ohne, dass es mir zu diesem Zeitpunkt schon gewesen wäre. Ich habe mich sehr in die Stimmung dieses Fotos versetzt, in diese Zeit versetzt, in diesen Menschen versetzt und ich meinte ihn da so aufgespürt zu haben, wie er einmal war, lange vor meiner Existenz.

Dann war da noch die jüdische Geschichte. Sie hat mich immer stark berührt. Es waren die individuellen menschlichen Schicksale, die mich sehr, sehr ergriffen haben. Wie meinen Großvater, so wollte ich auch andere Menschen aufspüren, verstehen, wie sie einmal waren, in einem Leben, das sie so lebten, wie wir es heute leben, vor unserer Zeit.

Ich suchte in Archiven und über private Kontakte nach alten Fotografien, die mich emotional berührten und welche eine Basis für meine künstlerische Arbeit bilden konnten. Mein Ziel war es, wie bei dem Porträt meines Großvaters von der ursprünglichen Schwarz-Weiß-Fotografie ausgehend, diese zu Entschlüsseln und in ein lebendiges, farbiges, großformatiges Gemälde in Öl auf Leinwand zu übersetzen. Dabei war die Fotovorlage mein Forschungsobjekt, das zu ergründende Rohmaterial. Später bei der Malerei war sie mir dann auch eine Erinnerungsstütze im Sinne einer vorbereitenden Skizze. Sofern ich auf die Biografien oder Erzählungen der Verwandten der Portraitierten zurückgreifen konnte, gaben diese mir Hinweise auf ihre Lebensumstände, ihr Wesen und ihren Charakter. Von anderen abgebildeten Personen existierte ausschließlich das Foto und ich habe dieses so umgesetzt, wie ich es bei meinen Betrachtungen verstanden habe. Das war ein gänzlich neuer, anderer Prozess, als ein Porträt „normal“ zu malen, anhand eines lebenden Modells, das mir seine Einstellungen, Ideen und Emotionen unmittelbar und auch über die Körpersprache mitteilt.

Jedes dieser von mir geschaffenen Gemälde ist eine Interpretation der im jeweiligen Foto eingefrorenen Wirklichkeit und stellt eine Annäherung an die Persönlichkeit des abgebildeten Menschen aus meinem Blickwinkel dar. Sie bleibt somit eine Fiktion. Man sagt, die Darstellung eines Menschen in einem Gemälde schaffe einen Stellvertreter. Sie verwandele eine reale Abwesenheit in eine fiktive Anwesenheit und beschreibe so für uns letztendlich auch den Verlust. Wenn mir dies gelungen ist, so freue ich mich.

 

Julia Belot

Erläuterungen zu den Bildern

Abraham Markovich Belotserkovski

(* 1903 in Alexandrowka, Ukraine; † 1997 in Pskow, Russland), Eisenbahningenieur.

Aufgrund seines Berufes war Abraham Belotserkovski während der Belagerung von Leningrad unabkömmlich. Seine Ehefrau und ihre zwei Kinder wurden mit dem letzten Zug aus der Stadt evakuiert.

Das Bild basiert auf einem Foto aus Privatbesitz.

Gemälde von Julia Belot: Otto Freundlich, Öl auf Leinwand, 70 cm x 80 cm, 2011

Otto Freundlich

(* 10. Juli 1878 in Stolp; † 09./10. März 1943 im KZ Lublin-Majdanek oder KZ Sobibor), Maler, Grafiker, Bildhauer.

Ist einer der frühesten Vertreter der abstrakten Kunst. Er studiert zunächst Zahnmedizin und Kunstgeschichte. Nach einem Florenzbesuch 1906/1907 beschließt er bildender Künstler zu werden. Ab 1907/08 studiert er in Berlin. Während seiner ersten Reise nach Paris 1908 findet er Anschluss an die avantgardistischen Künstlerkreise. Von 1910 bis 1914 hält er sich zumeist in Paris auf.

1918 veröffentlicht die expressionistische Zeitschrift ‚Die Aktion‘ ein Sonderheft mit seinen Arbeiten. Er ist Gründungsmitglied ‚November-Gruppe‘ in Berlin. 1919 organisiert er zusammen mit Johannes Theodor Bargeld und Max Ernst die erste Kölner Dada-Ausstellung. 1924 zieht er endgültig nach Paris um.

Mit Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 gilt Freundlich als „entarteter Künstler“. Seine Werke werden aus deutschen Museen entfernt, die Plastik ‚Der neue Mensch‘ auf dem Titelblatt der Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ gezeigt.

Nach Kriegsausbruch beginnt eine Odyssee durch verschiedene französische Internierungslager. In einem kleinen Pyrenäendorf wird Freundlich Anfang 1943 denunziert und deportiert.

Das Bild basiert auf einem Foto aus dem Archiv des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts.

Gemälde von Julia Belot: Käte Frankenthal, Öl auf Leinwand, 140 cm x 100 cm, 2013

Käte Frankenthal

(* 30. Januar 1889 in Kiel; † 21. April 1976 in New York City), Ärztin und sozialdemokratische Politikerin.

Setzte sich für die Abschaffung des § 218 und für die kommunale Verantwortung von Eheberatungsstellen ein.

Käte Frankenthal fühlte sich in jeder Hinsicht als Deutsche und verließ 1923 offiziell die jüdische Gemeinde. Dies hielt die Nationalsozialisten jedoch nicht davon ab, sie am 15. März 1933 durch das Neuköllner Bezirksamt zu beurlauben. Im Herbst 1936 emigrierte sie in die USA. Dort erhielt sie keine Anstellung als Ärztin, an eine eigene Praxis war nicht zu denken. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs. Mit 54 Jahren begann sie eine psychoanalytische Ausbildung (1943 – 1947) und erhielt eine Lizenz für eine eigene Praxis. Ihre Fachgebiete waren Sexualtherapie, Ehe- und Familienberatung und Angstbewältigung.

Das Bild basiert auf einem Foto aus dem Archiv des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts.

Gemälde von Julia Belot: Käthe Finlay Freundlich, Öl auf Leinwand, 140 cm x 160 cm, 2010

Käthe Finlay Freundlich, geb. Hirschberg

(* 14. August 1888 in Weimar; † 10. Mai 1974 in Wiesbaden).

1913 heiratete Käthe Hirschberg den Physiker Erwin Finlay Freundlich. Die Ehe blieb kinderlos, nach dem Tod ihrer Schwester adoptierte das Paar deren zwei Kinder. Nach dem 1. Weltkrieg lebten sie in Potsdam, wo ihr Mann Leiter des astrophysikalischen Instituts war. Mit Inkrafttreten des „Berufsbeamtengesetzes“ 1933 begab sich das Paar ins Exil nach Istanbul, wo ihr Ehemann bis 1937 die Leitung des astronomischen Instituts innehatte. Im Anschluss übernahm er einen Lehrstuhl an der Karls-Universität Prag. 1939 flohen sie über Holland nach Schottland der Heimat seiner Mutter (Ellen Elizabeth Finlayson). Bis 1959 arbeitete Erwin Finlay Freundlich an der Universität von St. Andrews. 1961 kehrte das Paar an seinen Geburtsort Wiesbaden zurück.

Das Bild basiert auf einem Foto aus dem Archiv des Aktiven Museums Spiegelgasse, Wiesbaden.

Gemälde von Julia Belot: Schulmädchen, Öl auf Leinwand, 100 cm x 120 cm, 2010

Schulmädchen

(Name, Geburts- und Todesdatum unbekannt) Warschau, 1937.

Das Bild basiert auf einem Foto von Roman Visniac.

Gemälde von Julia Belot: Ruven Kirsztajn, Öl auf Leinwand, 120 cm x 120 cm, 2011

Ruven Kirsztajn

(* 1920 in Wyszogrod, Polen; † 1993 im Kibbuz Quar Makabi, Haifa, Israel.)

Das Bild basiert auf einem Foto aus Privatbesitz.

Gemälde von Julia Belot: Rahel Straus, Öl auf Leinwand, 140 cm x 100 cm, 2012

Rahel Straus, geb. Goitein

(* 21. März 1880 in Karlsruhe; † 15. Mai 1963 in Jerusalem), Ärztin, Sozialarbeiterin.

Studierte ab Mai 1900 als erste Frau Medizin an der Universität Heidelberg.

Nach Abschluss der Höheren Mädchenschule ermöglicht ihre Mutter Rahel 1893 den Besuch des ersten deutschen Mädchengymnasiums in Karlsruhe. Ab Mai 1900 studiert sie an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. 1905 heiratet sie den Juristen Elias Straus und zieht nach München. Sie promoviert 1908 und lässt sich im gleichen Jahr als Ärztin nieder. Sie bekommt fünf Kinder. Sie setzt sich für die Frauenrechte ein und arbeitet sehr engagiert im „Jüdischen Frauenbund“. Als aktives Mitglied der „Women‘s International Zionist Organisation“ (WIZO) erkennt sie früh den aufkommenden Antisemitismus. Nach dem Tod ihres Ehemannes 1933, emigriert sie mit ihren Kindern nach Palästina. Dort arbeitet sie weiter als Ärztin und Sozialarbeiterin.

Das Bild basiert auf einem Foto aus dem Archiv des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts.

Gemälde von Julia Belot: Lucia Moholy, Öl auf Leinwand, 140 cm x 100 cm, 2012

Lucia Moholy, geb. Schulz

(* 18. Januar 1894 in Prag; † 17. Mai 1989 in Zürich), Fotografin und freischaffende Korrespondentin in Zürich.

Aufgewachsen in einer bürgerlich-sozialistischen Familie, studiert sie nach dem Abitur 1910 an der k. u. k Frauenbildungsanstalt in Prag das Lehrfach für Englisch und Philosophie. Nach dem Studium arbeitet sie als Redakteurin und Lektorin. 1921 heiratet sie den ungarischen Künstler László Moholy-Nagy. Beide gehen 1928 nach Berlin. 1929 trennt sich das Paar und sie lebt mit Theodor Neubauer zusammen, einem kommunistischen Reichstagsabgeordneten und späteren Widerstandskämpfer, der im August 1933 in ihrer Wohnung verhaftet wird. Sie kann fliehen und emigriert über Prag, Wien und Paris nach London, wo sie schnell zur Prominentenporträtistin wird. Sie verfasst ein Buch zur Kulturgeschichte der Fotografie. 1942 wird Lucia Moholy Leiterin eines Mikrofilm-Service der britischen Armee. Zwischen 1949 und 1957 arbeitet sie im Auftrag der UNO in Nationalbibliotheken des Nahen und Mittleren Ostens. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Berlin lässt sie sich 1959 in Zollikon bei Zürich nieder, wo sie als freischaffende Korrespondentin für Kunstzeitschriften arbeitet.

Das Bild basiert auf einem Foto aus dem Archiv des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts.

Gemälde von Julia Belot: Ruth Klinger, Öl auf Leinwand, 140 cm x 100 cm, 2012

Ruth Klinger

(* 13. März 1906 in Prag; † 15. Dezember 1989 in Zürich), Schauspielerin, Journalistin, Sekretärin.

Von 1921 – 1923 besucht sie die Schauspielschule an der deutschen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Prag. Kurz danach erhält sie ihr erstes Engagement am Neuen Deutschen Theater. 1930 gründet sie zusammen mit ihrem späteren Ehemann Maxim Sakaschansky das einzige jiddische Kabarett „Kaftan“ in Berlin, mit dem sie große Erfolge, auch im Ausland feiert. 1933 verbieten Nationalsozialisten die Arbeit des Kabaretts. Ruth Klinger flieht nach Palästina. Sie leidet sehr unter Heimweh. Erst in den Jahren 1940 – 1947 arbeitet sie als Sekretärin, unter anderem bei Arnold Zweig. 1947 kehrt sie als israelische Korrespondentin für eine deutschsprachige Tel-Aviver Zeitung nach Prag zurück. Sie arbeitet dort, bis sie 1956 in Bern und Zürich für das israelische Konsulat tätig wird. 1966 übernimmt sie in Zürich die Stelle einer Rabbinats Sekretärin. Ihren Lebensbericht publiziert sie im Selbstverlag unter dem Titel „Zeugin einer Zeit“.

Das Bild basiert auf einem Foto aus dem Archiv des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts.

Gemälde von Julia Belot: Lesender Junge, Öl auf Leinwand, 100 cm x 120 cm, 2013

Jeschiwa Schüler

(Name, Geburts- und Todesdatum unbekannt) Polen, 1937.

Das Bild basiert auf einem Foto von Roman Visniac.

Gemälde von Julia Belot: Alter Mann, Öl auf Leinwand, 100 cm x 130 cm, 2010

Ein Dorfältester

(Name, Geburts- und Todesdatum unbekannt) Apsa, Karpaten-Russland, 1938.

Das Bild basiert auf einem Foto von Roman Visniac.

Gemälde von Julia Belot: Liesel auf der Treppe, Öl auf Leinwand, 160 cm x 100 cm, 2011

Liesel auf der Treppe

(Liesel Becker, * 28. Juli 1918 in Stammheim; unbekannt)

Familie Becker lebte in Stammheim. In der dortigen Schule hatte Liesel Becker viele Freundinnen. In den Jahren 1936 und 1937 nahm sie teil an zionistischen Camps, die junge Leute auf die Ausreise nach Palästina vorbereiteten. 1938 lebte sie in der „Jüdischen Anlernwerkstatt“ in der Fischerfeldstraße in Frankfurt. Als ihre Mutter starb, verließ die verbleibende Familie Deutschland und ging über Wien nach Palästina.

Das Bild basiert auf einem Foto aus Privatbesitz.

Dank

Mein Dank und meine Anerkennung gelten allen, die mich bei diesem Projekt unterstützten. Insbesondere danke ich Frau Dr. Elisabeth Schaub vom Aktiven Museum Spiegelgasse, Wiesbaden und Frau Dr. Margret Heitmann vom Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen sowie meiner Freundin Helena Taranczewski.